Wie gelingt Netto-Null bis 2050?

In dreissig Jahren soll die Schweiz nicht mehr Treibhausgase ausstossen, als durch Kompensationsmassnahmen gespeichert werden können. Dieses als «Netto-Null» bezeichnete Klimaziel hat der Bundesrat 2019 beschlossen. Um es zu erreichen, sind in allen Bereichen Verbesserungen nötig.
 

Im August 2019 hat der Bundesrat beschlossen, dass die Schweiz 2050 netto keine Treibhausgase mehr ausstossen soll. Die entsprechenden Massnahmen zur Emissionsreduktion bis 2030 hat das Parlament vor Kurzem im Rahmen des neuen CO2-Gesetzes verabschiedet. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) arbeitet zudem an der langfristigen Strategie über 2030 hinaus. Mit ihrer Zielsetzung steht die Schweiz übrigens nicht alleine da: Weltweit haben rund 20 weitere Staaten sowie die EU dasselbe Ziel in der Gesetzgebung verankert. Einige Länder wie Norwegen (2030), Österreich (2040) oder Schweden (2045) wollen Netto-Null sogar bereits deutlich früher erreichen.

CO2 aus der Luft entnehmen

Um das Klimaziel zu schaffen, müssen die Emissionen des Gebäudeparks, der Mobilität, des Flugverkehrs sowie der Industrie deutlich reduziert werden. Treibhausgase, die sich wie das in der Tierhaltung anfallende Methan nur schwer vermeiden lassen, sollen durch sogenannte Treibhausgas-Senken kompensiert werden. Gemeint sind damit natürliche Speicher wie Wälder oder Moore, in Zukunft möglicherweise aber auch technische Speicher, die der Atmosphäre Treibhausgase entziehen und dauerhaft speichern können. Das Schweizer Unternehmen Climeworks beispielsweise will inskünftig CO2 in grossen Mengen aus der Luft abscheiden.

Ziele 2020 verfehlt

Der Blick auf die letzten Jahre zeigt, dass die Schweiz nur bedingt auf einem guten Weg ist. Das für 2020 gesetzlich festgelegte Zwischenziel, die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu senken, wurde verfehlt. Die Entwicklung der einzelnen Sektoren ist unterschiedlich, aber letztlich überall ungenügend. Im Verkehrsbereich waren 10 Prozent tiefere Emissionen das Ziel. Zwar sind die Fahrzeuge effizienter geworden und stossen weniger CO2 aus, aber dafür hat die Mobilität insgesamt stark zugenommen und die Autos werden immer grösser. Der Treibhausgasausstoss dieses Sektors lag bei der letzten Erhebung 2018 deshalb sogar 1 Prozent über dem Referenzwert von 1990.

Knackpunkt Heizungsersatz

Bei den Gebäuden sieht die Entwicklung insgesamt etwas besser aus: Sie haben 2018 bereits 34 Prozent weniger Treibhausgase ausgestossen als noch 1990. Doch weil die Witterung im Winter einen grossen Einfluss hat, müssen die Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden. Tatsache ist, dass nach wie vor mehrere Hunderttausend Immobilien mit einer Öl- oder Gasheizung betrieben werden. Zudem wechseln noch immer zu wenige Eigentümerinnen und Eigentümer auf eine erneuerbare Alternative, wenn der Heizungsersatz ansteht. Das Reduktionsziel von 40 Prozent dürfte der Gebäudesektor daher nicht erreichen.

Schornstein mit Rauch
Gebäude sollen inskünftig nicht mehr fossil beheizt werden, sondern mit erneuerbaren Energien.

Weitere Anstrengungen nötig

Im Industriebereich liegt das Reduktionsziel von 15 Prozent gegenüber 1990 in Reichweite, denn der Wert lag bereits 2018 nur noch knapp darunter. Allerdings vermochte der Sektor seine Emissionen in den letzten Jahren kaum noch zu senken Auch wenn die Industrie also das Zwischenziel 2020 erreicht, braucht es in Zukunft grössere Anstrengungen, um die Emissionen weiter zu verringern.

CO2-Gesetz bringt neue Anreize

Robin Poëll, Informationsbeauftragter des BAFU, ist überzeugt, dass die Schweiz das Netto-Null-Ziel des Bundesrats erreichen kann: «Bis 2050 können wir die Emissionen von Verkehr, Gebäuden und Industrie mit heute bekannten Technologien und dem Einsatz erneuerbarer Energien um 95 Prozent senken.» Das neue CO2-Gesetz sei der erste Schritt dazu: Damit lasse sich der Treibhausgas-Ausstoss bis 2030 vermindern und so die Voraussetzungen für die längerfristige Klimapolitik schaffen.

Strengere Abgaswerte

Wo genau setzt der Bund nun an, damit es in Zukunft klappt mit dem Erreichen der Klimaziele? Die im September verabschiedete Totalrevision des CO2-Gesetzes umfasst verschiedene bewährte und neue Massnahmen für die kommende Dekade. Im Mobilitätssektor etwa steht mit den CO2-Emissionsvorschriften für Neuwagen ein bekanntes Instrument zur Verfügung. Die Vorschriften werden in verschiedener Hinsicht verschärft. So senkt man den erlaubten Zielwert für den CO2-Ausstoss von heute 95 g/km auf rund 60 g/km im Jahr 2030. Zudem erfolgt die Berechnung der Werte auf einer neuen, realitätsnäheren Methode. Und schliesslich gelten die Vorschriften künftig nicht nur für Personenwagen, sondern auch für schwere Nutzfahrzeuge wie Lastwagen.

CO2-Verbot im Verkehr
Die CO2-Emissionen des Verkehrsbereichs sollen durch eine Attraktivierung der Elektromobilität deutlich sinken.

«Neu ist, dass mit dem Gesetz die Ladeinfrastruktur für Elektroautos gefördert wird», ergänzt Robin Poëll. «Es sieht vor, den Einbau von Ladestationen in Wohnblocks und Mehrfamilienhäusern zu unterstützen.» Die verschiedenen Massnahmen im Mobilitätsbereich sollen dazu beitragen, dass die Elektromobilität noch attraktiver wird, weitere Marktanteile gewinnt und damit die CO2-Emissionen im Verkehrssektor deutlich sinken.

Umweltfreundlich heizen wird belohnt

Bei den Gebäuden setzt das neue CO2-Gesetz insbesondere beim Heizungsersatz an. Ab 2023 sind bestimmte Grenzwerte einzuhalten, wenn man eine fossile Heizung ersetzt. Zuerst sind noch 20 kg CO2 pro m2 erlaubt, doch dieser Wert sinkt alle fünf Jahre um 5 kg. Schon innerhalb der nächsten sieben Jahre sollen die Emissionswerte des Gebäudesektors damit auf 50 Prozent gegenüber 1990 sinken. Zudem wird das bestehende Gebäudeprogramm unbefristet weitergeführt. «Es unterstützt energetische Sanierungen und den Einsatz erneuerbarer Energien mit finanziellen Beiträgen», erklärt Poëll. Klimafreundliches Heizen fördere man auch in Zukunft durch die bewährte CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe. «Die Einnahmen aus dieser Abgabe werden grösstenteils zurückverteilt, wovon nicht nur das Klima, sondern auch die Mehrheit der Bevölkerung profitiert.»

Flexible Massnahmen

Für die Industrie sieht das neue Gesetz auch in Zukunft flexible Massnahmen vor. Unternehmen mit einem sehr hohen CO2-Ausstoss – etwa die Zementindustrie oder die Chemiebranche – sind gemäss Robin Poëll in das Emissionshandelssystem eingebunden. Kleinere Firmen wiederum, für welche die CO2-Abgabe eine sehr hohe Belastung im Vergleich zu ihren Einnahmen wäre, können sich von der Abgabe befreien, wenn sie sich gegenüber dem Bund zu einer Emissionsverminderung verpflichten. Bisher waren diese Verpflichtungen aber teilweise zu wenig ambitioniert, wie Kritiker monieren – es wird abzuwarten sein, ob das Instrument in Zukunft besser funktioniert.

Abgabe auf Flugtickets

Neu betrifft das CO2-Gesetz auch den Flugverkehr: Inskünftig wird auf Luftreisen aus der Schweiz eine Flugticketabgabe erhoben, sodass umweltfreundlichere Verkehrsmittel attraktiver werden. «Diese Massnahme betrifft aber nur jene rund 10 Prozent der Fluggäste, die sehr oft fliegen», erläutert Poëll. Die eine Hälfte der Einnahmen aus der Flugticketabgabe wird wieder an die Bevölkerung und Unternehmen zurückverteilt. Die andere geht in den Klimafonds, der Massnahmen zum Schutz des Klimas finanziert. Innovative Firmen kommen beispielsweise leichter an Darlehen, um klimafreundliche Technologien auf den Markt zu bringen. Der Fonds fördert auch den Ausbau des Nachtzug-Angebots der Bahn und unterstützt Gemeinden beim Bau von Fernwärmenetzen.

Mit der Totalrevision des CO2-Gesetzes will der Bund also in den kommenden zehn Jahren durch verschiedene Massnahmen die Treibhausgasemissionen reduzieren. Bevölkerung und Unternehmen sollen neue Anreize erhalten, klimafreundlicher zu wohnen, zu reisen und zu produzieren.

 

Bilder: pixabay

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