Ist die Energiewende gar nicht so teuer?

Dass wir zum Schutz des Klimas die Energieversorgung dekarbonisieren müssen, ist seit Längerem bekannt. Diese Transformation könnte aus volkswirtschaftlicher Sicht aber gar nicht so teuer werden, wie gemeinhin angenommen wird, sondern im Gegenteil auch ökonomisch Sinn ergeben.

Solarpanel

Eine neue Studie der ETH Zürich zeigt, dass Investitionen in erneuerbare Energien auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll sind. Foto Pixabay/atimedia

Weltweit wird seit einigen Jahren kräftig in Windparks und Solaranlagen investiert, um die fossilen Energien durch erneuerbare ersetzen zu können. Bisher ging man davon aus, dass dieser Übergang aus volkswirtschaftlicher Sicht mit Mehraufwand verbunden ist. Vor 20 Jahren ergaben Berechnungen, dass die globale Wirtschaft durch die Dekarbonisierung bis 2050 um 10 Prozent schrumpfen würde. Dieser Wert wurde seither laufend nach unten korrigiert. Der Weltklimarat IPCC kam in einem 2022 publizierten Report noch auf einen Rückgang von 2 Prozent, also etwa 0,04 Prozent pro Jahr. Eine im Auftrag des Bundesamts für Energie durchgeführte Studie kam zum Schluss, dass das Wachstum auch in der Schweiz leicht gebremst wird. Um die Energiewende ökonomisch zu begründen, musste man daher auf die Folgekosten des Klimawandels verweisen, ausgelöst etwa durch Naturkatastrophen, Produktionsausfälle oder gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Subventionen statt Steuern

Lange ging man davon aus, dass es hohe CO2-Abgaben braucht, um Menschen zur Investition in erneuerbare Energien zu bewegen. Solche Abgaben erhöhen aber die Preise und dämpfen das Wirtschaftswachstum. Die Realität hat jedoch gezeigt, dass die Investitionen in Solar- und Windenergie höher waren als prognostiziert und die Kosten für erneuerbaren Energie schneller sanken als erwartet. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass anstelle von Abgaben und Steuern vielerorts Subventionen und Vorschriften zum Einsatz kamen, um die erneuerbare Energie zu fördern. Dadurch wurden die Energiepreise meist weniger stark verzerrt.

Das Energy Science Center (ESC) der ETH Zürich hat in einer Studie untersucht, wie sich die positiven Trends auf die Volkswirtschaft in Zukunft auswirken werden. Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Anthony Patt, Professor für Klimaschutz und -anpassung, fokussierte sich dabei auf die Schweiz. «Wir haben die Strommarktpreise und die Handelsströme simuliert und die Kosten eines klimaneutralen Energiesystems bis 2040 in Szenarien verglichen», erklärt Patt.

Intensiver Stromhandel

In einem ersten Szenario gingen die Forschenden davon aus, dass die Schweiz im europäischen Stromnetz integriert bleibt. Dadurch kann sie weiterhin im Sommer Strom exportieren und im Winter Strom importieren, wobei die Importe netto leicht ansteigen würden. In diesem Szenario ergaben sich tiefere Strompreise, aber insgesamt höhere Gesamtausgaben in der Grössenordnung von einer halben Milliarde Franken. Dies deshalb, weil der Strombedarf durch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärmeversorgung steigt. Gleichzeitig würde die Schweiz so rund 2,5 Milliarden Franken einsparen, die sie heute für den Import von Erdgas, Heizöl und Treibstoffen ausgibt. Szenario 1 bedeutet also, dass die Schweiz bis 2040 pro Jahr etwa 2 Milliarden Franken weniger für die Energie ausgeben muss, wenn sie bei Bedarf weiterhin Strom importieren kann.

Szenario mit reduziertem Import

Da heute nicht klar ist, ob und wie die Schweiz im europäischen Strommarkt eingebunden sein wird, umfasst die ESC-Studie auch ein Szenario mit einem begrenzten Stromhandel. «Wenn die Schweiz weniger Strom importieren kann, muss sie mehr in die erneuerbare Stromproduktion investieren», erklärt Patt. «Das würde dazu führen, dass die Stromkosten im Vergleich zum ersten Szenario etwa 40 Prozent höher lägen.» Die Gesamtenergiekosten für die Schweizer Volkswirtschaft würden aber wegen der Einsparungen bei den fossilen Energieträgern dennoch sinken.

Stromnetz

Die Anbindung an den europäischen Strommarkt führt zu tieferen Kosten, denn ein reduzierter Stromhandel müsste mit zusätzlichen Investitionen in Kapazitäten und Speicher aufgewogen werden. Foto Pixabay/Michael-Schwarzenberger

Schnellere Entwicklung

Wie ist es zu erklären, dass die neue Studie aus Zürich zu anderen Ergebnissen kommt als die meisten bisherigen Untersuchungen? Für Anthony Patt waren die Resultate seiner Studie nicht unbedingt eine Überraschung. Er weist darauf hin, dass erneuerbare Energiesysteme in den vergangenen 20 Jahren schneller als erwartet deutlich kostengünstiger geworden sind. Daher sind auch die Schätzungen für die Kosten der Dekarbonisierung laufend nach unten korrigiert worden.

Zwar sind die Resultate der ESC-Studie noch nicht von einem Fachmagazin geprüft worden (Peer Review), decken sich aber mit einer Untersuchung der Universität Oxford. Diese kam zum Schluss, dass die erwarteten Energiekosten im Netto-Null-Szenario bis 2040 um 20 % sinken würden im Vergleich zu einem Szenario ohne Energieumbau. Die Untersuchung der ETH-Gruppe steht also keinesfalls alleine da in der internationalen Energieforschung.

Einfluss höherer Strompreise

Die Strompreise liegen dieses Jahr hierzulande deutlich höher als in der Vergangenheit. Beeinflusst dies die Resultate der Studie? Anthony Patt verneint. Der aktuell hohe Strompreis habe fast nichts mit den Kosten der erneuerbaren Energien zu tun. «Die europäischen Strommärkte funktionieren so, dass die Strompreise durch den Preis der Erzeugungsoption mit den höchsten Herstellungskosten diktiert wird, selbst wenn diese nur einen kleinen Anteil am gesamten Energiemix ausmacht», erklärt er. Die teuerste Option sei momentan aufgrund der Auswirkungen des Ukraine-Kriegs das Erdgas. Dieses spielt aber in den Dekarbonisierungsszenarien keine Rolle und dürfte langfristig wieder billiger werden. Und sollten die Gaspreise doch hoch bleiben, dann spart die Schweiz durch den Umstieg auf erneuerbare Energien sogar noch mehr Geld, als die ESC-Studie vorhersagt.

Strom aus dem Norden

Aus den zwei Szenarien – volle versus eingeschränkte Einbindung in den europäischen Strommarkt – lassen sich auch Rückschlüsse auf die Frage der saisonalen Stromspeicherung ziehen. Die Modellierung zeigt, dass die Schweiz keinen Bedarf an zusätzlichen saisonalen Speichern hat, wenn der Stromhandel mit den Nachbarländern weiterhin funktioniert. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Staaten im Norden Europas durch ihren hohen Windenergie-Anteil im Winter besonders viel Strom produzieren. Einen Teil davon kann die Schweiz bei Bedarf importieren. Im Gegenzug sind andere Länder froh, wenn die Schweiz im Sommer ihre Überschüsse aus der Wasser- und Solarkraft exportiert.

Stausee Lago Bianco

Der erneuerbare Strom aus den Schweizer Wasserkraftwerken ist im Sommer auch bei unseren europäischen Nachbarn beliebt. Bild Repower

Handel statt speichern

Schwieriger und vor allem kostspieliger wird es, wenn der Stromhandel künftig eingeschränkt ist. Die Schweiz muss dann im Sommer noch mehr Überschüsse produzieren und diese zwischenspeichern, damit im Winter genug Strom zur Verfügung steht. Ein zusätzlicher Kapazitätsausbau würde ebenso wie der Bau neuer Speicher zu höheren Kosten führen. Zwar deuten Modellrechnungen darauf hin, dass die Schweiz künftig als Folge der Dekarbonisierung weniger stark von Importen abhängig sein wird als heute, wo wir rund 70 Prozent der Primärenergie aus dem Ausland beziehen. «Ganz werden wir aber nicht auf Importe verzichten können», ist Patt überzeugt, «das wäre auch ökonomisch unsinnig». Wenn die Schweiz zu einer autarken Energieinsel werden will, würde das Energiesystem viel teurer werden und zudem einen grösseren ökologischen Fussabdruck hinterlassen – beides sollten wir tunlichst vermeiden.

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Repower ist ein Vertriebs- und Dienstleistungsunternehmen im Energiebereich mit über 100-jähriger Erfahrung. Die Schlüsselmärkte sind die Schweiz (inkl. Originationsgeschäft in Deutschland) und Italien. Der Hauptsitz befindet sich in Poschiavo (Graubünden). Die Gruppe ist von der Produktion über den Handel bis zur Verteilung und zum Vertrieb auf der ganzen Strom-Wertschöpfungskette sowie zusätzlich im Gasgeschäft tätig. Basierend auf ihrem fundierten Energiefachwissen bietet Repower ihre Produkte und Dienstleistungen auch Partnern an - insbesondere EVU, aber auch Industriekunden und öffentlichen Institutionen - und führt Arbeiten für Dritte aus.

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