Wird Energie

in Zukunft gratis?

 

Zukunftsforscher wagen einen Ausblick in die Energiewelt der Zukunft. Darin werden wir kostenfreien Zugang zur Energie haben, so ihre Prophezeiung. Ist ein solches Szenario denkbar?

Eine im Mai 2018 veröffentlichte Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts unter dem Titel „Die neue Energiewelt – Vom Mangel zum Überfluss“ befasst sich mit der bereits heute voranschreitenden, langfristigen Transformation des Energiesektors. Die Studie analysiert gegenwärtige und bevorstehende Trends und wagt eine Prognose, die bis in das 22. Jahrhundert hinein reicht. In der Energiewelt der Zukunft, so der Befund der Autoren, werde Überfluss an die Stelle der heutigen Knappheit der Energieträger treten. Von unserer auf fossilen Energieträgern basierenden Lebensweise werden dann keine Spuren mehr zu erkennen sein. Stattdessen werde eine durchwegs elektrifizierte, aus erneuerbaren Quellen gespeiste Gesellschaft aufkommen, in der vor allem die schier unerschöpfliche Kraft der Sonne als Antrieb der Wirtschaft dienen werde. Weil die Grenzkosten für die Produktion von Energie in einem solchen Szenario gegen Null tendieren, kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass Energie gratis werden wird – solange die Kosten für die nötige Infrastruktur abgedeckt sind. Der Kunde werde dann höchstens mit Daten für die Bereitstellung der Energie zur Deckung seiner Bedürfnisse zahlen.

Die Transformation ist handfeste Realität

Der Hauptaussage der Studie, nämlich dass auf die Energiewirtschaft ein tiefgreifender Umbruch zukommt, kann man angesichts der aktuellen und absehbaren technologischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nur zustimmen. Wir sind dabei, unser Elektrizitätsversorgungssystem, das wir über die letzten 100 Jahre errichtet haben, umzubauen. Wir stehen also am Anfang eines Megatrends.

Auch die Vorhersage, dass die Branche vom jetzigen Normalzustand über mehrere ruckartige Verschiebungen in ein neues, noch nicht zu bestimmendes „New Normal“ gelangen wird, leuchtet ein. Einem ähnlichen Pfad sind nämlich alle technologischen Umwälzungen der Menschheitsgeschichte gefolgt – von der ersten Industriellen Revolution nach der Erfindung der Dampfmaschine bis zur aktuell in vollem Tempo vor unseren Augen verlaufenden digitalen Transformation.

Es ist auch im Einklang mit der Studie vorstellbar, dass von Energieknappheit in Zukunft kaum die Rede sein wird. Tatsächlich sind Sonne, Wind und andere erneuerbare Energieträger in mehr als ausreichendem Ausmass vorhanden, um unseren Energiehunger zu stillen. 

Doch einige Beobachtungen erscheinen angebracht, bevor eine Abschätzung der möglichen Konsequenzen dieses Energieüberflusses vorgenommen wird. Erstens gilt es festzustellen, dass der globale Energieverbrauch kontinuierlich zunimmt und dies voraussichtlich auch in Zukunft tun wird. Treiber dieses Trends sind erstens das ungebremste Wachstum der Weltbevölkerung, zweitens die Steigerung des Lebensstandards für weite Teile der Menschheit. Die immer höheren Anforderungen der Menschen in Sachen Komfort, Mobilität oder Ernährung bedingen, dass immer mehr Energie aufgewendet werden muss, um unseren modernen Lebensstil aufrechtzuerhalten.

Wer wird für die Infrastruktur bezahlen?

Wichtig ist aber vor allem die Tatsache, dass die Flexibilität im Verbrauch eingeschränkt ist. Das heisst: Die Energie muss immer dann zur Verfügung stehen, wenn wir sie brauchen. Dies bedeutet zum einen, dass es nicht nur um die benötigte totale Energiemenge in Kilowattstunden geht, sondern auch um die erforderliche Leistung. Die Verbrauchsspitzen im Tagesverlauf müssen nämlich stets abgedeckt werden. Die schwankende Produktion aus dezentralen Anlagen, die Energie aus Sonne und Wind einfangen, kann unsere Bedürfnisse nur unter der Voraussetzung zuverlässig erfüllen, dass wir über die nötige Produktions-, Übertragungs- und Speicherinfrastruktur verfügen. Das heisst konkret: PV-Anlagen, Windturbinen oder Wärmepumpen, aber auch grössere zentralisierte Kraftwerke für die Umwandlung der Energie, Batterien für die Speicherung und Leitungen für den Transport der Energie zum Verbraucher – All dies wird nicht einfach kostenfrei zu haben sein.

Komfort statt Kilowatt

Wir werden in Zukunft also nach wie vor Geld investieren müssen, um Energie zu gewinnen und sie zur Verfügung zu stellen. Diese Kosten muss schliesslich jemand tragen. Die Frage stellt sich deshalb: Wer wird dafür bezahlen? Und auf welche Weise? Wir glauben, dass diese Investitionskosten letztendlich vom Endkonsumenten werden abgegolten werden müssen. Denn ob allein mit Daten bezahlt wird, erachten wir als fraglich. Andererseits wird die Preisbildung in einem solchen Szenario, in dem die variablen Kosten wegfallen, anders aussehen als heute. Die Geschäftsmodelle der Energieversorger werden sich verändern. Wir werden in neuen Dimensionen denken müssen. Verkaufen werden wir vermutlich nicht mehr Kilowattstunden, sondern Komfort, Kälte, Wärme, Licht, Mobilität. Das heisst: Lösungen statt physischer Energie könnten durchaus unser Produkt im neuen Normalzustand der Zukunft sein. Der Name Energieversorger wäre dann überholt. Überleben werden dann nur diejenigen, die getreu dem englischen Begriff für die Unternehmen unserer Branche, „Utility“, ihren Kunden einen Nutzen bieten.

Die Elektrizitätswirtschaft ist vor rund hundert Jahren in Form von kleinen dezentralen Inseln entstanden, die sich hauptsächliche selbst mit Energie versorgt haben. Nachdem der technologische Fortschritt und die gesellschaftliche Entwicklung die Ära der grossen Kraftwerke herbeiführten, erleben wir heute wieder einen Trend hin zur lokalisierten, dezentralen Versorgung, gekoppelt mit einem weit verbreiten Wunsch nach Autarkie. Doch wir waren, sind und werden voraussichtlich auch in Zukunft auf eine physische Infrastruktur angewiesen bleiben, um unsere Stromversorgung sicherzustellen. Da Aufbau, Unterhalt und Erweiterung dieser Infrastruktur unweigerlich Kosten auslöst, dürfte eine Welt, in der wir kostenfrei Energie konsumieren können, kaum realisierbar sein. Trotzdem: Auch wenn das nächste New Normal noch nicht wirklich voraussehbar ist, werden wir unsere Energiebedürfnisse in diesem fernen Normalzustand der Zukunft höchstwahrscheinlich auf einer effizienteren und nachhaltigeren Art und Weise erfüllen als heute. Wie die Umwälzungen auf dem Weg zum „New Normal“ auch immer sein mögen – Anpassungsfähigkeit wird verlangt sein.

Über den Autor

Kurt Bobst

Kurt Bobst

CEO

Kurt Bobst ist seit 2008 CEO von der Repower AG und ist ebenfalls Leiter vom Geschäftsbereich Markt. Er begann seine berufliche Laufbahn in der Elektrizitätsbranche als Leiter Finanzielles Rechnungswesen der Atel AG. Von 1995 bis 2002 war Kurt Bobst Principal Consultant zuerst bei Pricewaterhouse Coopers und dann bei A. T. Kearny mit den Schwerpunkten Beratung bei Strategieentwicklung und Managementsystemen in der Energiewirtschaft. Ab 2002 war er Geschäftsführer von Pöyry Energy AG Schweiz und bis Juni 2008 Gesamtverantwortlicher für die Business Area Consulting bei Pöyry Energy.

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