EVU haben als kritische Infrastrukturbetreiber

eine besondere Verantwortung

Ein Interview mit Samuel Bontadelli, COO der Repower, über die Auswirkungen des Coronavirus und wieso ein Pandemieplan für Energieversorger als kritische Infrastrukturbetreiber so wichtig ist.

 

Geschätzter Samuel, im Dezember 2019 erreichten uns Meldungen über eine damals unbekannte Atemwegserkrankung aus Wuhan. Hatte man da bei Repower schon mit einer solchen Ausbreitung gerechnet?
Samuel Bontadelli (S.B.): Ehrlich gesagt nein.

Im Januar 2020 entwickelte sich die Erkrankung, die fortan als neuartiges Coronavirus oder Covid-19 genannt wird, in China zu einer Epidemie und breitete sich schliesslich weltweit aus. Wann war der Zeitpunkt, an dem Repower das erste Mal zu internen oder externen Massnahmen gegriffen hat? Und welche waren das?
S.B.: Anfang Februar haben wir den Pandemieplan, den wir für die SARS-Pandemie erstellt hatten, wieder in die Hände genommen. Mitte Februar wurden die internen Pläne aktualisiert, am 21. Februar wurde der Krisenstab aufgeboten und am 24. Februar haben wir die erste interne Mitteilung publiziert sowie die ersten vorsorglichen Massnahmen umgesetzt. 

Am 16. März 2020 hatte der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausgerufen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Spätestens dann wurden die vorbereiteten Pandemie- sowie Notfallpläne für kritische Infrastrukturen und Anlagen in Kraft gesetzt. Hat Repower einen standardisierten Plan? Was ist grob der Inhalt dieses Plans? Gibt es konkrete Weisungen?
S.B.: Ja, es gibt einen Plan, aber dieser muss immer an die konkrete Situation angepasst werden. Grundsätzlich basiert dieser auf dem "Pandemieplan: Handbuch für die betriebliche Vorbereitung" des BAG. Basierend auf unseren Kern- und Detailprozessen sind dort die Grundaktivitäten und die entsprechenden Massnahmen definiert, um im Pandemiefall die Grundaktivitäten zu gewährleisten. Das Ziel des Pandemieplans ist es, die Mitarbeitenden zu schützen und den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Kann dieser Plan auch für andere EVU eingesetzt werden? Oder ist es möglich, dass Repower kleineren EVU in dieser Sache zur Hand geht?
S.B.: Unser Plan ist natürlich auf die Bedürfnisse von Repower zugeschnitten. Die dort definierten Grundaktivitäten im operativen Bereich, wie Netz- und Produktionsanlagenbetrieb, Anlagen- und Portfoliobewirtschaftung oder Piketteinsatz und Störungsbehebung, sind aber auch bei anderen Elektrizitätswerken ähnlich.

Einige EVU senden ihre Mitarbeiter sogar in eine freiwillige Quarantäne an ihrem Arbeitsplatz – also Isolationsstationen im Kraftwerk oder Kontrollraum, um die Versorgung sicherzustellen. Wäre so ein Vorgehen auch bei der Repower denkbar? Welche internen Massnahmen wurden bei der Repower getroffen?
S.B.: Bei den operativen Bereichen von Repower wurden vor allem Massnahmen umgesetzt, die das Risiko gleichzeitiger "massiver" Absenzen minimieren soll. Das sind zum Beispiel Homeoffice, räumliche Trennungen, Teamsplitting und spezifische Schichtpläne, Führung von Mitarbeiterlisten zur Begrenzung von Quarantäne-Fällen. 

Das BFE hatte bei rund 60 schweizerischen EVU eine Umfrage über die Auswirkungen zum Stromverbrauch durchgeführt. Wie sieht es bei Repower aus? Wurde im Versorgungsgebiet ebenfalls ein spürbarer Rückgang des Stromverbrauchs registriert?
S.B.: Ja, in gewissen Regionen haben wir eine Stromverbrauchsreduktion bis zu 30 Prozent beobachtet. Dies liegt sicher auch daran, dass wir einige grosse Urlaubsgebiete in unserem Versorgungsgebiet haben. Dort wurde ja zum Beispiel der Betrieb von Bergbahnen von einem Tag auf den anderen eingestellt und Hotels wurden bald darauf auch geschlossen. Ausserdem sind wohl auch viele Ferienhäuser und -wohnungen leer geblieben.

Der VSE bietet ihren Mitgliedern ein spezielles Forum an, damit sich die EVU zum Thema Coronakrise untereinander austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Wie siehst du den Bedarf an Informationen und Unterstützung? Kann es sich Repower vorstellen, ihre Strategie «Dienstleistungen für Dritte» auch in diesem Bereich auszuweiten?
S.B.: Wir werden daraus sicher kein Produkt entwickeln, aber selbstverständlich bieten wir Unterstützung an, sollten Partner und Kunden an unseren Überlegungen und Plänen Interesse haben.

 

Vielen Dank für deine Antworten und beste Gesundheit!

 

Samuel Bontadelli ist seit 2003 bei Repower tätig, zuerst als Asset Manager Übertragungsnetz, danach als Leiter Produktion Schweiz, 7 Jahre als Leiter Handel und seit 2018 als COO. Dabei hat er unter anderem an den Grundlagen zur Strommarktöffnung in der Schweiz, der Gründung der swissgrid AG und der Einführung vom Bilanzgruppenmodell aktiv mitgearbeitet. Dank seiner 7-jährigen Erfahrung als Leiter Handel gilt er als geschätzter Kenner der europäischen Strom- und Gasgrosshandelsmärkte. Daneben ist er Mitglied von mehreren Betriebs- und Finanzkommissionen schweizerischer Partnerwerke sowie Mitglied von einigen Verwaltungsräten. 

Über den Autor

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Vom EVU fürs EVU

Repower ist ein Vertriebs- und Dienstleistungsunternehmen im Energiebereich mit über 100-jähriger Erfahrung. Die Schlüsselmärkte sind die Schweiz (inkl. Originationsgeschäft in Deutschland) und Italien. Der Hauptsitz befindet sich in Poschiavo (Graubünden). Die Gruppe ist von der Produktion über den Handel bis zur Verteilung und zum Vertrieb auf der ganzen Strom-Wertschöpfungskette sowie zusätzlich im Gasgeschäft tätig. Basierend auf ihrem fundierten Energiefachwissen bietet Repower ihre Produkte und Dienstleistungen auch Partnern an - insbesondere EVU, aber auch Industriekunden und öffentlichen Institutionen - und führt Arbeiten für Dritte aus.

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