Versorgungssicherheit:

Ab 2025 mit Fragezeichen

„Versorgungssicherheit mit Strom trotz schwierigem Marktumfeld sichergestellt“. So lautete der Titel einer BFE-Medienmitteilung, welche die Erkenntnisse der sogenannten „Adequacy-Studie 2035“ zusammenfasste. Kürzlich war hingegen im „Bulletin“ zu lesen, dass die Versorgungsperspektiven „alles andere als rosig“ sind. Was gilt nun?

Entscheidend ist für mich der betrachtete Zeitraum. Bis und mit 2025 werden wir genug Strom zur Verfügung haben. Dass es bis dahin in den wahrscheinlichsten Fällen zu keinen wesentlichen Problemen mit der Versorgungssicherheit kommt, stützt nämlich auch die Studie „System Adequacy 2025“, welche die Aufsichtsbehörde Elcom erstellen liess. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Studie der Elcom im Gegensatz zu jener des BFE davon ausgeht, dass bis dahin noch immer kein Stromabkommen vorliegt. Somit lässt es sich schon einmal festhalten, dass es um die Versorgungssicherheit selbst unter einer erschwerenden Bedingung kurzfristig nicht allzu schlecht bestellt ist. Wie beide Berichte unabhängig voneinander aber auch festhalten, kann es in Extremsituationen bereits vor 2025 zu Versorgungsproblemen kommen. Dies gilt laut Elcom etwa dann, wenn im Winter - neben weiteren unvorteilhaften Entwicklungen - alle Schweizer Kernkraftwerke ausser Betrieb sind. Die Lage würde sich zudem verschärfen, wenn die Nachbarländer Deutschland und Italien zusätzlich aus der Kohlestromproduktion aussteigen und grosse Wasserkraftwerke wie beispielsweise Grande Dixence ganzjährig nicht zur Verfügung stehen würde. Trotzdem mache ich mir vorerst keine allzu grossen Sorgen. Schliesslich schätzt die Elcom die Eintretenswahrscheinlichkeiten dieser Szenarien auf 4-mal respektive 2-mal in hundert Jahren. Zudem will man in Bern gerade mit Blick auf derartige Extremsituationen eine strategische Reserve etablieren. Entscheidend wird auch die Entwicklung der Grosshandelsstrompreise sein, und dort ist die Schweiz als „Preisnehmerin“ vom umliegenden Ausland sehr abhängig.

Doch wie geht es nach 2025 weiter? Die Aussage, wonach die Versorgungssicherheit auch bis 2035 gegeben ist, halte ich für übertrieben. Hierzu ist nochmals zu betonen, dass die Studie des BFE per 2025 vom Abschluss eines Stromabkommens ausgeht. Die Aussage, dass auch längerfristig genug Strom zur Verfügung stehen wird, steht folglich stets unter diesem Vorbehalt. Weitere Fragezeichen ergeben sich daraus, dass der Befund des BFE nur dann gilt, wenn es gelingt die Erneuerbaren gemäss Zielsetzung der Energiestrategie auszubauen und die Energieeffizienz ebenfalls wie geplant gesteigert werden kann. Insbesondere die Ausbauziele werden dabei immer wieder gegen die Studie des BFE ins Feld geführt. In einem Interview mit der Basler Zeitung äusserte der ehemalige BFE-Direktor Eduard Kiener stellvertretend für derartige Kritik die Vermutung, dass ein bedeutender Teil des angestrebten Ausbaus wohl kaum je realisiert werden kann.  

„Die Entwicklungen (insbesondere bei der Photovoltaik) sind positiv und zeigen, dass die Richtwerte für den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion durchaus erreicht werden können. Auch die Investitionsbeiträge für Wasserkraftanlagen entfalten die gewünschte Wirkung“, sagte mir Marianne Zünd, Leiterin Politik und Medien beim BFE, auf den Vorwurf Kieners angesprochen. Zudem sei die Energiestrategie keine energiewirtschaftliche Planwirtschaft. „Es ist also nicht matchentscheidend, ob man bei der Geothermie oder der Windenergie von einem Zubau von 2 oder 4 TWh/Jahr ausgeht“, so Zünd weiter. Sie betont dabei, dass mit der Energiestrategie und den zugehörigen Verordnungen zudem erst der erste Schritt getan sei. Weitere Schritte müssten nun im CO2-Gesetz folgen und auch das Stromversorgungsgesetz, in dem die vollständige Öffnung des Strommarkts in der Schweiz vorgeschlagen werden soll, sei ein wichtiges Element. Denn: „Die Ausbauziele können dann erreicht werden, wenn die gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen und wenn die nötigen technologischen Fortschritte erzielt werden“.

Die Schweiz wird bis 2035 ausreichend Strom zur Verfügung haben - sofern die Integration in den europäischen Strommarkt gelingt, die Energieeffizienz gesteigert wird und der Anteil an erneuerbaren Energien wächst. So lautete der erste Satz der eingangs erwähnten BFE-Medienmitteilung. Das BFE kommuniziert die Vorbehalte und Fragezeichen also offen. Weiter steigen bei solchen Studien mit zunehmenden Zeithorizont die Unsicherheiten und damit auch die Unschärfe bei den Annahmen. Dies schmälert die Belastbarkeit und damit auch die Aussagekraft der Resultate. Somit dürfen beide Studien weder über- noch unterbewertet werden. Positiv stimmt mich, dass sowohl die Elcom als auch das BFE nicht zurücklehnen und die realen Entwicklungen weiter im Auge behalten werden. So versicherte mir Renato Tami, der Geschäftsführer der Elcom, dass weitere Adequacy-Studien im Zeitintervall von ca. 2 Jahren angedacht sind. „Wie sich die Versorgungssituation aber auch die Importmöglichkeiten aus dem Ausland in den nächsten Jahren real entwickeln, wird ständig beobachtet, so dass zeitgerecht allfällige Massnahmen eingeleitet werden könnten“, betont auch Zünd.

Über den Autor

Samuel Bontadelli

Samuel Bontadelli

COO Mitglied der Geschäftsleitung

Samuel Bontadelli ist seit 2003 bei Repower tätig, zuerst als Asset Manager Übertragungsnetz, danach als Leiter Produktion Schweiz, 7 Jahre als Leiter Handel und seit 2018 als COO. Dabei hat er unter anderem an den Grundlagen zur Strommarktöffnung in der Schweiz wie beispielweise die Einführung der Grenzkapazitätsauktionen an unseren Grenzen, die Gründung der swissgrid ag, die Einführung vom Bilanzgruppenmodell und vom Systemdienstleistungsmarkt aktiv mitgearbeitet. Für Repower war er auch an der Realisierung der Berninaleitung und der Merchant line Campocologno – Tirano massgebend beteiligt. Dank seiner 7-jährige Erfahrung als Leiter Handel gilt er als geschätzter Kenner der europäischen Strom- und Gasgrosshandelsmärkte. Daneben ist er Mitglied von mehrere Betriebs- und Finanzkommissionen schweizerische Partnerwerke sowie Mitglied von einigen Verwaltungsräten.

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