Mit Partnerschaften fit

für die Energiezukunft

In der Energiebranche - aber nicht nur in dieser - läuft derzeit die vierte industrielle Revolution vom Stapel. Die Schlagworte dazu lauten "Digitalisierung", "Internet of Things" oder "Data-Mining". Ich bin überzeugt, dass die rund 700 EVU in der Schweiz nicht über alle erforderlichen Kompetenzen für diesen Wandel verfügen. Sie werden auch nicht dazu in der Lage sein, diese allein aufzubauen. Partnerschaften sind daher eine vielversprechende Möglichkeit, um in diesem Veränderungsprozess als Unternehmen erfolgreich bestehen zu können.

Dass die zu Beginn erwähnten Schlagworte nicht nur Hype sind, sondern auch zunehmend Realität werden, konnte man jüngst begleitend zur IoT-Konferenz des Schweizerischen Verbands der Telekommunikation (Asut) vernehmen. Laut Asut werden nämlich bereits in zwei Jahren 50 bis 200 Mio. Dinge in der Schweiz miteinander vernetzt sein. Auch das Bundesamt für Energie schrieb Ende 2018 in seinem Dialogpapier zur Digitalisierung des Energiesektors , dass die digitale Transformation die Branche "grundlegend, langfristig und nachhaltig verändern" werde. EVU haben ihre Stärken aber traditionell nicht im Bereich der immer wichtiger werdenden Informations- und Kommunikationstechnologien, sondern in der Planung, dem Bau und dem Betrieb von Energieproduktionsanlagen. Hier kommen Partnerschaften ins Spiel.

Mit Partnerschaften können fehlende Kompetenzen nämlich sozusagen eingekauft werden. Darüber hinaus können gemeinsam aber auch bessere Lösungen gefunden werden. Man kann Skaleneffekte generieren oder für den Markteintritt in bisher eher fremde Bereiche oder Regionen eine kritische Grösse etablieren. Bestes Beispiel für die hier angeführten Benefits von Partnerschaften ist "tiko Energy Solutions AG". Sie wurde 2012 gemeinsam von der Swisscom und Repower gegründet. Ziel des Unterfangens war es, viele steuerbare Kleinlasten, zum Beispiel Wärmepumpen, in einem virtuellen Kraftwerk zu bündeln, um sich damit am Regelenergiemarkt Schweiz zu beteiligen. Mit intelligenten Steueralgorithmen werden die Kleinlasten dabei je nach Bedarf von der nationalen Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid ein- oder ausgeschaltet.

Meiner Meinung nach hat "tiko" mit der Qualifikation für die Erbringung von Primärregelenergie (Sekundenreserve) eine echte Pionierleistung erbracht. Damit diese jedoch möglich wurde, brauchte es die Kompetenzen zweier Partner auf Augenhöhe. Swisscom steuert ihr grosses Know-how in den Bereichen Datenkommunikation und Informationstechnologie bei. Repower bringt ihr Energie-Wissen ein, indem sie verfügbare Regelleistung mit ihren Wasserkraftkapazitäten ergänzt und die Kapazitäten an den Regelenergiemarkt bringt. Übrigens: Die Technologie stiess auch in Europa und Übersee auf grosses Interesse. Mittlerweile hat sich mit dem französischen Energiekonzern Engie ein grosser internationaler Player massgeblich an dem Unternehmen beteiligt. 
Was sich im Zuge der Digitalisierung auch verändern wird (oder sich bereits verändert hat) sind die Kundenbedürfnisse. Der smartphonegestählte Kunde stellt neue Ansprüche. Er möchte auf seinem Handy sehen, wie viel Strom seine PV-Anlage gerade produziert und im Falle eines Überschusses will er das Elektroauto laden oder die Waschmaschine einschalten können. Weiter möchte der Stromkunde der Zukunft wissen, wann er wie viel Strom gebraucht und wie viel er dafür bezahlt hat. Und, und, und... 

EVU müssen ihre Prozesse also digitalisieren, ob ihnen das nun gefällt oder nicht. Denn wenn der wissbegierige Stromkunde wie früher das EVU anruft und danach in einem häufig aufwendigen Prozess die Daten eruiert werden, wird das Ganze unbezahlbar. Dies muss heute mit zwei Klicks im Internet auf dem elektronischen Kundenportal des EVU möglich sein. Viel komplexer wird die Geschichte zudem, wenn immer mehr Kunden selbst zu Produzenten und Marktteilnehmern werden. Nun braucht es Systeme, die dauernd messen und Daten austauschen. Einerseits für die Abrechnung von Ein- und Ausspeisung von Energie sowie die Netznutzung, andererseits aber auch für den Netzbetreiber, damit dieser sieht, wo das Netz wie stark ausgelastet ist und notfalls eingreifen kann. Auch daraus wird klar, dass Informations- und Kommunikationstechnologien an Bedeutung gewonnen haben.

Neben der Digitalisierung verändert sich die Energiebranche aber auch wegen des immer günstiger werdenden Solar- und Windstroms, aufgrund der teilweise damit verbundenen Dezentralisierung und als Folge von regulatorischen Änderungen, etwa die vom Bund angedachte vollständige Strommarktöffnung. All dies wird, wie Repower-CEO Kurt Bobst jüngst ebenfalls in diesem Blogpost richtigerweise geschrieben hat, dazu führen, dass EVU künftig wohl nicht mehr Kilowattstunden, sondern eher Energiedienstleistungen wie Komfort, Kälte, Wärme, Licht oder Mobilität gewinnbringend verkaufen können.

Vor allem im Bereich der Energiedienstleistungen werden die EVU künftig vermehrt mit branchenfremden Playern in Konkurrenz treten. Google und Co. haben das Know-how und die Potenz, alle Arten von Energiedienstleistungen zu erbringen und diese zu vermarkten. Jedes EVU muss sich somit entscheiden, ob es die Herausforderung annehmen will, hier eine Rolle zu spielen oder ob es sich lieber auf den Bau und Betrieb der unumgänglichen Infrastruktur beschränken will. Ich bin überzeugt, dass das gesamte System vor einem Umbruch mit vielen Unbekannten steht und diejenigen, die diesen aktiv mitgestalten, davon profitieren werden. Starke und stabile Partnerschaften sind mit Sicherheit ein tragendes Element bei der Gestaltung der Zukunft.

Über den Autor

Felix Vontobel

Felix Vontobel

Strategische Projekte und Mandate

Felix Vontobel war während 25 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung von Repower. Seit Anfang 2018 betreut er strategische Projekte und ist unter anderem Mitglied des Vorstandes des Verbandes der Schweizerischen Elektrizitätswerke und des Wasserwirtschaftsverbandes.

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