Gefährdet die

Strommarktöffnung

Schweizer Erneuerbare?

Der Bundesrat will den Strommarkt für alle Strombezüger in der Schweiz öffnen. Er hat am 17. Oktober ein entsprechend angepasstes Stromversorgungsgesetz in die Vernehmlassung geschickt. Die Strombranche hat dazu keine einheitliche Haltung, manche Unternehmen begrüssen den Vorstoss, andere sind dagegen. Für die EU ist hingegen die Marktöffnung eine nicht verhandelbare Voraussetzung für ein Stromabkommen, ohne das die Schweiz zunehmend vom europäischen Strommarkt ausgeschlossen werden wird. Erste Folgen sind bereits spürbar, indem die Schweiz bei der Zuteilung von Grenzkapazitäten teilweise umgangen wird und nicht zu einer neuen Intraday-Handelsplattform zugelassen wurde. Eine weitere interessante in diesem Zusammenhang bisher wenig beleuchtete Frage ist: Was würde eine vollständige Marktöffnung für die erneuerbaren Energien in der Schweiz bedeuten?

 

Die Vorteile einer Strommarktöffnung sind nach meiner Auffassung zunächst einmal, dass auch kleine Strombezüger frei sind, aus allen Angeboten der EVU auszuwählen. Denn bislang können sie nur die Stromprodukte ihres Netzbetreibers respektive Grundversorgers beziehen. Die Marktöffnung führt im positiven Fall zu einer stärkeren Nachfrage nach erneuerbaren Energien. Die Kunden sind grundsätzlich bereit, einen gewissen Mehrpreis für erneuerbare Energien zu zahlen. Ich schätze die Schweizer Privatkunden als pragmatisch ein: Der Preis spielt wohl eine wichtige Rolle, man ist aber auch offen für gute Argumente. In ländlichen Gegenden ist eher der regionale Aspekt wichtig, in Städten die Ökologie.

Ein Risiko bleibt: Steigt die Differenz zwischen den Marktpreisen und den Erneuerbaren-Angeboten, sinkt die Nachfrage. Das bedeutet, die Preise müssen tiefer ausfallen, was die Erneuerbaren in Schwierigkeiten bringen könnte. Die Netzbetreiber sind heute berechtigt, die Produktionskosten der erneuerbaren Energien an die gebundenen Endkunden weiterzugeben. Nach einer vollständigen Marktöffnung wird dies nicht mehr möglich sein, was die Absatzrisiken für Netzbetreiber erhöhen wird.

Ob Schweizer Ökostrom bei einer Marktöffnung beispielsweise von billigem Dreckstrom aus dem Ausland, etwa aus deutscher Kohle, unter Druck gerät, hängt in erster Linie von der Entwicklung des Strommarktes ab. Der jüngste deutliche Anstieg der CO2-Preise im europäischen Emissionshandel verteuert die fossile Stromproduktion und hilft somit den erneuerbaren Energien. Die Wasserkraft spielt bei den Erneuerbaren in der Schweiz eine überragende Rolle. Deshalb schlägt der Bundesrat auch vor, dass Endkunden, die in der geschützten Grundversorgung bleiben möchten, künftig standardmässig ausschliesslich Strom aus der Schweiz erhalten sollen, welcher zudem zu einem Mindestanteil aus erneuerbaren Energien stammen muss. "Damit wird die Schweizer Wasserkraft gestärkt", meint der Bundesrat.
Die Wirtschaftlichkeit der Wasserkraft hängt stark von den geltenden Rahmenbedingungen wie Umweltauflagen, Wasserzinsen und Steuern und Abgaben ab. Ich gehe davon aus, dass die fossile Produktion durch Auflagen und Umweltabgaben teurer und aufgrund des gesellschaftlichen Drucks schrittweise abnehmen wird. In der Schweiz erwarte ich durch die Marktöffnung aber kaum relevante Veränderungen in Bezug auf Produktion und Absatz von erneuerbaren Energien. 

Ich glaube nicht, dass von der Marktöffnung spezielle Erneuerbaren-Technologien profitieren oder auf der anderen Seite besonders unter Druck geraten. Ein systematisches Risiko sehe ich bei der Photovoltaik, wenn diese ohne flankierende Massnahmen direkt dem Markt ausgesetzt werden sollte. Da die Anlagen nur tagsüber und alle gleichzeitig produzieren, werden die Marktpreise bei genügender Einspeisung früher oder später gegen null tendieren. Im Gegenzug wird dies zur Chance für regulierbare Erzeugungstechnologien, insbesondere für Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke.

Die Strommarktöffnung bedeutet mit Sicherheit nicht das Ende für die Erneuerbaren-Produktion in der Schweiz. Ich erwarte keine wesentliche Veränderung, was auch ein Blick in die umliegenden Länder mit voller Marktöffnung bestätigt. Viel entscheidender sind die generelle Entwicklung des Strommarktes, der Regulierung und insbesondere der Förderinstrumente. Denkbar ist, dass die Netzbetreiber nach dem Wegfall des Rechts auf Überwälzung der Kosten ihr Engagement in der Produktion erneuerbarer Energien reduzieren und dafür neue Player mit innovativen Konzepten und starker Vertriebsorientierung in die Lücke springen. Die Marktöffnung wird Innovationen begünstigen. Der Wettbewerb zwingt Anbieter dazu, den Kunden überzeugende Lösungen anzubieten und die Effizienz zu steigern. Markt- und Kundenorientierung werden weiter an Bedeutung gewinnen und nur die besten Ideen in Kombination mit einer guten Markt- und Vertriebsorganisation werden sich durchsetzen.

Kommt es zu einer Marktöffnung muss die Politik wohl entscheiden, ob sie die Schweizer Erneuerbaren schützen muss und will. Dazu hört man aktuell die Begriffe «Quotenmodell» und «Ausschreibungen». Ich bin der Meinung, dass es keine weiteren Massnahmen seitens der Politik braucht, wenn es gelingt, den Emissionshandel über CO2-Kontingente und -Abgaben zu einem griffigen, funktionierenden Instrument auszubauen. Falls nicht, wäre ein Quotenmodell wohl noch immer die zweitbeste Lösung. Klar ist, dass es vernünftige Rahmenbedingungen braucht, die sich an den Wünschen und Zielen unserer Gesellschaft orientieren und die von Zeit zu Zeit angepasst werden müssen. Es gilt Freiräume für innovative, intelligente Lösungen zu schaffen und anstelle von Gesetzen und Verboten die richtigen Anreize zu setzen.

Und was passiert, wenn es kein Stromabkommen gibt? Ein Stromabkommen würde wohl bedeuten, dass die Schweiz sich ähnliche Ziele wie die EU in Bezug auf den Ausbau der erneuerbaren Energien setzen müsste. Mit 60 % Wasserkraft ist sie im Strombereich bereits vorbildlich unterwegs, was man allerdings mit Blick auf die gesamte Energieversorgung mit etwa 75 % Energieimport - davon ca. 80 % fossil - nicht sagen kann. Ohne Stromabkommen kann sich die Schweiz unabhängig von der EU eigene mehr oder weniger ambitionierte Ziele setzen. Klar ist: Bei einem teilweisen Ausschluss der Schweiz aus dem europäischen Strommarkt würden beide Parteien verlieren. Denn die schweizerischen Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke stünden Europa für die wichtige Ausregulierung von Wind- und Solarstromproduktion nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Andererseits würde die Schweizer Wasserkraft ein erhebliches Marktpotenzial verlieren.

Über den Autor

Felix Vontobel

Felix Vontobel

Strategische Projekte und Mandate

Felix Vontobel war während 25 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung von Repower. Seit Anfang 2018 betreut er strategische Projekte und ist unter anderem Mitglied des Vorstandes des Verbandes der Schweizerischen Elektrizitätswerke und des Wasserwirtschaftsverbandes.

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