Corona und Energiehandel

Wie beeinflusste COVID-19 den Energiehandel? Ein Interview mit Lorenzo Pola, Leiter Handel bei Repower, über die Auswirkungen des Coronavirus auf die zentraleuropäischen Handelsplätze und den Handelsdesk in Poschiavo.

 

«Stromverbrauch bricht wegen Coronakrise ein» titelte das Handelsblatt Anfang April. Geschätzter Lorenzo, hat die Coronakrise auch auf die wichtigen zentraleuropäischen Handelsplätze einen Einfluss? 
Lorenzo Pola (L.P.): Ja, die Grosshandelsmärkte spiegeln das effektive Gleichgewicht zwischen Stromproduktion (Angebot) und Stromverbrauch (Nachfrage) wider und sie haben sofort und stark reagiert. Man sieht diese Reaktion viel mehr in den Preisen als in den Handelsvolumen: die Marktplayer haben die eigenen Portfolios rebilanzieren müssen. Die meisten von ihnen haben Strom verkauft und die Preise sind deshalb gesunken. Die Coronavirus-Situation war natürlich ganz neu und war bzw. ist auch im Stromhandelsbereich deshalb schwierig einzuschätzen: die Unsicherheiten und somit die Preisvolatilität sind stark gestiegen. Noch heute gibt es im Markt grosse Unsicherheit. Verschiedene Faktoren können die Preisbewegung in beide Richtungen beeinflussen.

Welche Auswirkungen hatte der Pandemieplan der Repower auf den Handelsdesk?
L.P.: Die Trading-Aktivität hat eine zentrale Rolle in unserer Leistungserbringungskette. Wir haben Ende Februar sofort Massnahmen zur «besonderen Lage» getroffen: Die Kernaktivitäten wurden im Wochenrhythmus in zwei separierte Gruppen aufgeteilt. Als die ausserordentliche Lage ausgerufen wurde, verschärfte sich die Situation noch weiter, da viele Mitarbeiter auf Homeoffice umsteigen mussten. Im Trading haben wir viele kaskadierende Prozesse mit wenig Zeittoleranz dazwischen. In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei allen Tradern für ihren Einsatz und die Flexibilität bedanken. Wie alle hoffen wir, dass wir so schnell wie möglich wieder zu einer Normalsituation zurückkommen.

Die Kernkompetenzen von Repower im Handel sind die Portfoliobewirtschaftung in allen Zeithorizonten und Märkten (Termin-Spot-Intraday-Systemdienstleistungsmarkt) sowie der Grosshandelsmarktzugang. Gab es hier besonders starke Auswirkungen aufgrund der Krise?
L.P.: Plötzlich befanden sich alle Märkte in einer ganz neuen Situation: Skigebiete wurden geschlossen, reduzierter Fahrplan im öV und neue Gewohnheiten haben zu einem nie zuvor gesehenen Szenario geführt. Bei der Lieferung sind zum Beispiel die Peak-Preise niedriger als die Base-Preise ausgefallen, da ein Verbrauchsreduktionseffekt kombiniert mit einer gesteigerten PV-Produktion entstand. In fast allen Märkten sind die Risiken und die Opportunitäten gestiegen: Diverse und nicht gleichzeitige Einflüsse von COVID-19 in den europäischen Ländern haben die Preisunterschiede in den Ländern auf unterschiedliche Zeithorizonte stark beeinflusst.

Wie sieht es mit dem Handel von Strom, Gas, CO2-Zertifikaten und Herkunftsnachweisen aus? Hat sich die Pandemie in einer Commodity besonders bemerkbar gemacht? 
L.P.: Öl ist sicher die Commodity, die am meistens überrascht hat. Zum ersten Mal in der Geschichte waren die WTI-Preise (amerikanisches Öl) negativ, d.h. Verkäufer mussten Geld zahlen, damit jemand ihnen das Öl abnimmt. Eine Kombination aus Überproduktion, reduziertem Verbrauch und vollen Lagern haben das Mai-Future auf -30 USD pro Barrel gedrückt. Auch in starken Krisen, wie im Jahr 2008, wurde etwas Ähnliches noch nie zuvor beobachtet. Diese Situation sehen wir nicht nur für ölabhängige Commodities wie Gas - zum Beispiel waren auch die Wasserspeicher in der Schweiz deutlich über dem Mittelwert und auch die HKN-Preise sind im Moment sehr tief. 

In Deutschland führte die hohe Einspeisung von Solarstrom zu negativen Preisen. Daneben sei der Stromverbrauch deutlich gesunken und die Preise sind deshalb im kurzfristigen Handel eingebrochen. Gab oder gibt es in der Schweiz eine ähnliche Situation? Wie geht ihr damit um?
L.P.: Auch in der Schweiz gab es neue Rekorde bei negativen Preisen, insbesondere während den Feiertagen. Die PV-Anlagen können eine grosse Rolle spielen. Viele Kunden hatten ihre Versorgung damit gedeckt, denn in Phasen mit einem niedrigen Stromverbrauch werden sie Produzenten und es ist sehr schwierig, diese Energie wertvoll zu verwenden.
Normalerweise verkaufen wir unsere Energie im Voraus, nutzen unsere Flexibilität und versuchen, wie in der Branche üblich, mit spekulativen Geschäften von negativen Preisen zu profitieren - natürlich mit Vorsicht, denn erst im Nachhinein ist man schlauer.

Industriekunden haben nun die Chance sich günstig mit Energie für die kommenden Jahre einzudecken. Spürt ihr eine erhöhte Nachfrage? Was sind eure Empfehlungen in diesen hektischen Zeiten?
L.P.: Bisher haben wir keine erhöhte Nachfrage verzeichnet. Im Moment scheint die Unsicherheit die interessanten Preise auszugleichen. Unsere Empfehlung ist zu kaufen (Stand 25. Mai 2020).

 

Vielen Dank für deine Antworten und beste Gesundheit!

 

Lorenzo Pola arbeitet seit 2007 bei Repower und ist seit Anfang 2018 Leiter Handel. Er verantwortet das Portfoliomanagement und die Handelsaktivitäten der Repower AG und verfolgt mit grossem Interesse die Entwicklungen der Speicherkapazität im Energiesystem, die eine wichtige Rolle für die Marktintegration und Preisdefinition spielen.

Über den Autor

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Vom EVU fürs EVU

Repower ist ein Vertriebs- und Dienstleistungsunternehmen im Energiebereich mit über 100-jähriger Erfahrung. Die Schlüsselmärkte sind die Schweiz (inkl. Originationsgeschäft in Deutschland) und Italien. Der Hauptsitz befindet sich in Poschiavo (Graubünden). Die Gruppe ist von der Produktion über den Handel bis zur Verteilung und zum Vertrieb auf der ganzen Strom-Wertschöpfungskette sowie zusätzlich im Gasgeschäft tätig. Basierend auf ihrem fundierten Energiefachwissen bietet Repower ihre Produkte und Dienstleistungen auch Partnern an - insbesondere EVU, aber auch Industriekunden und öffentlichen Institutionen - und führt Arbeiten für Dritte aus.

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