Blockchain: Von der Vision

in die Realität

Noch Anfang 2016 war der Begriff "Blockchain" in der Energiewirtschaft nur den Wenigsten vertraut. Der Hype um die "disruptive Technologie", die den Markt anfangs auf den Kopf zu stellen schien, hat seitdem viel Staub aufgewirbelt. Nachdem sich dieser wieder gelegt hat, stellt sich die Frage: Wofür taugt die Technologie im Energiemarkt wirklich? Welche Marktsegmente eignen sich für Pilotvorhaben? Und was sind die Hürden für den Einsatz der Technologie?

Um diese Frage zu beantworten, gilt es in Erinnerung zu rufen, was Blockchain eigentlich ist: Eine digitale Verschlüsselungstechnik, über die sich Handelsgeschäfte direkt abwickeln lassen. Das besondere Merkmal der Blockchain ist dabei ihre Dezentralität. Datensätze werden nicht mehr auf zentralen Servern abgelegt, sondern dezentral auf viele verschiedene Rechner verteilt. Nach Expertenmeinung ist das sicherer. Nebeneffekt: Die Funktion zentraler Mittler, etwa einer Bank oder im Energiemarkt einer Strombörse, ist nicht mehr zwangsläufig erforderlich. 

Blockchain als Geburtshelfer für den Peer-to-peer-Handel 
Der (dezentrale) Energiehandel ist eines der potenziell bedeutendsten Anwendungsfelder für die Technologie. An den Energiebörsen ist die heute kleinste gehandelte Einheit eine Megawattstunde. Das hat technische Gründe, denn ursprünglich wurde über die Börsen nur die Erzeugung grosser Kraftwerke vermarktet. Aber auch die Transaktionskosten sind eine Ursache. Denn am Börsenhandel sind Erzeuger, Verbraucher, Regulierer, Netzbetreiber und Banken beteiligt. Jeder einzelne Prozessschritt und seine Bestätigung verursachen Kosten. Für den Handel kleinerer Mengen sind die Börsen daher im Regelfall eher ungeeignet. 

Blockchain ermöglicht hingegen Kleinerzeugern eine neue Vermarktungsoption. In den USA nutzten die Akteure des Projekts "Transactive Grid" im Frühjahr 2016 die Blockchain-Technologie erstmals zum Austausch kleiner Mengen Solarstrom zwischen Nachbarn: Peer-to-peer. Inzwischen sind auch andernorts Pilotprojekte zum Peer-to-peer-Handel via Blockchain entstanden. So tauschen auch Bürger in einem Quartierstrom-Projekt in Walenstadt im Kanton St. Gallen seit Anfang 2019 lokal erzeugten Solarstrom untereinander aus. Sämtliche Transaktionen werden dabei zwischen den jeweiligen Parteien in einer Blockchain abgewickelt, ohne dass ein Drittunternehmen die Zertifizierung vornehmen muss.

Zertifizierung und Abrechnung als weitere Anwendungsfelder
Auch Abrechnungsprozesse bei der Elektromobilität sind ein Anwendungsfeld, das im Energiemarkt erprobt wird. Genauso wie die Zertifizierung von Energieprodukten. So ist es mit Hilfe der Blockchain möglich, die Produktion einer bestimmten Anlage exakt zu zertifizieren und im Anschluss einem Kunden zuzuordnen. Sogenannte Smart Contracts können also sicherstellen, dass ein Kunde, der Strom etwa aus einem ganz bestimmten Wasserkraft kaufen möchte, genau diesen Strom auch erhält. Darüber hinaus ist auch die Optimierung unternehmensinterner Prozesse ein Thema für die Blockchain. Rechnungswesen, Buchhaltung und Abrechnung sind Bereiche, in denen die Technologie helfen könnte, Transaktionskosten zu senken.

Blockchain ist nicht gleich Blockchain
Je nach Anwendungsfall unterscheidet sich die Wahl der geeigneten Blockchain. Grob unterscheidet man zwischen offenen und geschlossenen Blockchains. Erstere erlaubt im Prinzip jedermann die Teilnahme und eignet sich daher vor allem für Peer-to-peer-Anwendungen, wie eben den nachbarschaftlichen Austausch von Solarstrom. Geschlossene Systeme, in denen die Teilnehmerzahl limitiert ist und man sich im Regelfall untereinander kennt, eignen sich beispielsweise für gemeinsame Investments in Erzeugungsanlagen und die Verteilung des darin erzeugten Stroms oder eben auch für unternehmensinterne Prozesse.

Noch steht die Anwendung der Blockchain im Energiemarkt auf dem Prüfstand. Ihr grosser Vorteil lässt sich allerdings in zwei Worten zusammenfassen: Sie ist vertrauenswürdig und dezentral. Der Nachteil des hohen Stromverbrauchs, der der Technologie in jüngster Zeit häufig nachgesagt wurde, ist bei den meisten Anwendungen im Energiemarkt kein ernsthaftes Problem, da sie auf dem Proof-of-Stake-Prinzip beruhen, das nur wenig Rechenkapazität benötigt. Deshalb beobachten wir bei Repower die Entwicklung der Technologie weiterhin mit grossem Interesse und sind bereit, erprobte und wirksame Anwendungen zum geeigneten Zeitpunkt selbst in die Umsetzung zu bringen.

Über den Autor

Alessandro De Lorenzo

Alessandro De Lorenzo

Head of Market Access

Alessandro De Lorenzo arbeitet seit 2019 als Commodity Trader bei Repower. Seit 2018 leitet er das Team vom Market Access im Trading. Als Mitglied der Società Italiana di Analisi Tecnica (SIAT) hat er sich zudem auf Derivate spezialisiert.

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